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HENRY BIENEK
Engelswut
"Hätte Dich schützen können...", kam es schließlich leise aus seinem Mund.
Dunkle Tränen liefen sein Gesicht hinab. Doch er schämte sich nicht für seine Zeichen der Schwäche. Genauso wenig wie er sich für das schämte, was er geplant hatte.
Es tat ihm nur leid, dass er Imora dafür benutzen musste.
Aber es gab keinen anderen Weg.
"Verzeih mir...Geliebte...", flüsterte er ein letztes Mal.
Dann ließ Borege seine Tarnung fallen und riß im selben Moment seiner Geliebten mit einem Schrei voller Wut und Verzweiflung beide Flügel ab.
Das Reißen, mit dem sich die Flügel aus Imoras Körper lösten, blieb nicht
ungehört.
Es hallte weit über das Schlachtfeld und brachte den Kampfesfluss der Schlacht
ins Stocken.
Mit versteinerter Miene beobachtete Borege, wie die wenigen Salbäer - einfache
Fußsoldaten in den Reihen der Engel - die sich bereits zurückgezogen hatten,
erschrocken zu ihm herauf starrten.
Erschrocken über sein plötzliches Verschwinden und Erscheinen.
Und entsetzt über die unheilige Tat, die er begangen hatte.
Nur Dämonen rissen Engeln die Flügel ab und hängten sie sich als Trophäe um
den Hals. Ein solches Sakrileg hatte noch nie ein anderes Wesen begangen.
Zumindest hatte keiner von ihnen jemals etwas darüber gehört.
Selbst die Malboraner, die Meister der Qual, schauten überrascht zu ihm
herüber. Auch sie hatten dergleichen noch nicht gesehen und fragten sich wohl,
ob auf der Seite des Lichts gerade ein neuer Dämon geboren wurde.
Doch Borege hatte nicht vor die Seiten zu wechseln.
Im Gegenteil.
Wenn ihm alles wie geplant gelang, würde dieser Posten frei vom Gezücht der
Malboraner sein.
Allerdings würde Sc'wa'koun dann auch frei von jeglichem anderen Leben sein.
Borege ließ sich von den ihm zugewandten Blicken nicht aufhalten. Ohne Reue zu
empfinden, begann er die Flügel in seinen Händen energetisch aufzuladen. Licht
strömte von den Flügeln auf dem Rücken über seine Adern in Imoras Flügel.
Geblendet und erschrocken wichen die Salbäer zurück.
Sie wußten zwar nicht, was Borege tat, doch spürten sie instinktiv, daß es
besser war, sich ihm nicht zu nähern. Keiner von ihnen konnte sich mit einem
Erzengel messen. Vor allem nicht, wenn er sich in einem Zustand jenseits von Gut
und Böse zu befinden schien.
Boreges Gesicht verhärtete sich angesichts der Schmerzen, die er bei der
Übertragung der Energie empfand, doch schon nach ein paar Sekunden war die
Übertragung beendet.

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