Im fünfzehnten Jahrhundert hatte einer meiner Vorfahren dort Verließe gebaut. Die Zugänge sind allerdings alle zugemauert gewesen. Und trotz- dem sind die Geräusche von dort gekommen. Heute Vormittag haben Shawn, mein Stallbursche, Milton und ich den Zugang aufgebrochen. Seit über hundert Jahren war niemand mehr dort unten. Wir gingen den schmalen Gang entlang, bis wir zu dem Verließ unter dem Weinkeller kamen." Wieder begannen Gordens Hände zu zittern. Vincent hatte seinem Freund aufmerksam zu gehört und ermunterte ihn nun fortzufahren. " Überall in dem Verließ lagen abgetrennte Körperteile. Arme, Beine, zwei Köpfe und überall Blut. Auch Knochenteile lagen herum an den Wänden und auf dem Boden waren Spuren von getrocknetem Blut. Es war grauen- haft. Shawn mußte sich übergeben. Und dieser entsetzliche Verwesungs- geruch. Ich kann nicht einmal schätzen, wie viele Leichen es sind." Sir Stanfield hatte inzwischen keine Farbe mehr im Gesicht. Er leerte sein Glas und füllte es sich abermals. " Habt ihr überprüft ob wirklich alle Zugänge verschlossen waren ?" fragte Vincent Damon seinen Gegenüber. " Ja, alle waren verschlossen, bis auf den, den wir selber aufgebrochen haben.
" Damon ließ sich die alten, vergilbten Schloßpläne zeigen. " Hast Du auch eine Familienchronik ?" fragte er, ohne den Blick von dem Papier hoch zu nehmen. Lord Stanfield ging zum Bücherregal und nahm das dicke, in Leder gebundene Buch heraus. Vincent nahm das Buch und las auf- merksam einige Seiten. " Deine Familie hat eine recht interesante Ver- gangenheit. Offensichtlich sind sie selbst untereinander nicht gerade zimperlich mit einander umgegangen. Hast Du schon mal etwas von Cedric Stanfield gehört ?" " Natürlich, er war der Bruder unseres Familienbe- gründers Richard Stanfield. So viel ich weiß, war er Geisteskrank und wurde von Richard eingesperrt." " Ja, in dem Verließ unter dem Weinkeller." Vincent laß noch etwas weiter in der Familienchronik und schloß das Buch nachdem er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte. Er wechselte noch ein paar Worte mit Gorden, bevor er zu seinem Wagen ging, um seine schwarze Tasche aus dem Kofferraum zu nehmen. In all den vielen Jahren, die er nun schon als Dämonenjäger arbeitete, hatten die Dinge, die sich in seiner Tasche befanden, ihm schon gute Dienste geleistet. Und er hoffte, das sie es auch diesmal taten. Der Gang war kalt und feucht. Die Luft war stickig und es fiel Vincent schwer zu atmen. Seine Taschenlampe warf einen Lichtkegel in das Dunkel. Überall waren Spinnweben und er versuchte, oftmals vergebens, ihnen auszuweichen. Als er das Verließ unter dem Weinkeller erreichte, schlug ihm der Geruch von Verwesung entgegen. Vincent kämpfte mit der Übelkeit, die langsam in ihm aufstieg. Gorden hatte recht gehabt. Überall lagen Leichenteile.
Es war ein schrecklicher Anblick. Nachdem er sich ungesehen hatte, nahm Vincent einen kleinen Topf, mit einer speziellen Farbe aus seiner Tasche. Er öffnete den Topf, tauchte seinen linken Zeigefinger ein, und malte einen magischen Bannkreis auf den Boden. Vincent Damon stellte sich in die Mitte des Kreises und begann Beschwörungs Formeln aufzusagen. Nach einiger Zeit, spürte er einen leichten Luftzug. Aus der Wand, die ihm gegenüber lag, trat die fast durchsichtige Gestalt eines mittelalterlich gekleideten Mannes. Je weiter er aus der Wand trat, umso realer wirkte er. In der rechten Hand hielt er eine Streitaxt. Ohne Vorwarnung holte er aus und schlug die Axt in Richtung des Dämonenjägers. Doch als sie den Bannkreis berührte, verschwand sie im Nichts. " Wer bist Du und warum bist Du hier ?" fragte Vincent die Erscheinung. Er wußte, das der Bannkreis ihn schützen würde. Der Geist sah ihn an. Offensichtlich hatte er ihn ver- standen, denn er setzte tatsächlich an, die Frage zu beantworten. " Ich bin Lord Richard Stanfield, der rechtmäßige Herr dieses Hauses." Lautete die Antwort. Vincent Damon war etwas überrascht. Eigentlich hatte er Cedric Stanfield erwartet. Ohne sich etwas anmerken zu lassen sparch er weiter. " Warum seit Ihr hier ? Warum diese Opfer ?" Lord Richard änderte seinen Gesichtsausdruck. Durch die magischen Formeln, die Vincent vorher auf- gesagt hatte, war es ihm möglich, für einige Zeit Gewalt über den Geist zu haben. Aber er durfte dazu auf keinen Fall den Bannkreis verlassen. Die Gestalt blickte zurück zur Wand.


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