Das müßte doch zu schaffen sein. Einfach dran vorbei rennen. Er nahm einen
tiefen Atemzug und drückte die Klinke sachte nach unten. Er konnte die Meute
förmlich riechen, wie sie nur darauf warteten, ihn zu quälen. Er öffnete die
Tür nur einen Spalt und lugte vorsichtig hindurch. Sehen konnte er nichts, aber
er hörte ein leises Zischeln und Piepsen. Jetzt war es zu spät, zurückgehen
konnte er jetzt nicht mehr, jetzt hatten sie ihn schon längst bemerkt.
Er öffnete die Tür schließlich ganz und hob den linken Fuß zum ersten
Schritt durch diese Monsterhöhle an. Noch immer konnte er nichts sehen, der
Flur war stockfinster. Suchend streckte er den Fuß nach sicherem Untergrund ab.
Er stieß an etwas glattes, kaltes und wich erschreckt zurück. Dadurch geriet
er leicht ins wanken, konnte sich aber gerade noch am Türrahmen festhalten.
"Einfach losrennen, einfach ganz schnell rennen." sagte er zu sich
selbst. Aber es funktionierte nicht, seine Beine wollten einfach nicht auf ihn
hören. Sein Mund war so trocken, daß seine Zunge am Gaumen festklebte.
"Ich muß etwas trinken. Ich muß". Noch einmal versuchte er
loszurennen, doch seine Beine kamen ihm schwer wie Blei vor. Er schaffte nur ein
paar Schritte und stand nun mitten im Flur. Er spürte wie sich die Schlangen
langsam um seine nackten Füße wanden, er fühlte die Spinnen, die schon bis zu
seinen Armen hinaufgekrabbelt waren. Er hörte die Fledermäuse um seinen Kopf
kreisen und Ratten an seinen Zehen nagen. Ein Ohnmachtsgefühl überkam ihn.
Er holte noch einmal tief Luft, verdrehte dann die Augen und ließ sich nach
hinten fallen. Mit einem lauten Knall schlug er auf den Boden auf. Eine Mutter
kniet weinend über ihrem toten Kind, daß in der Nacht über leere Bierflaschen
gestolpert und unglücklich gestürzt war. Und der Wecker in dem Kinderzimmer
zeigt in rotleuchtenden Zahlen 00:59 Uhr an. Eine Minute vor Ende der
Geisterstunde. Hätte er doch bloß gewartet.

MEINUNGEN